Zukunft selbst gebaut

Fünf Jahre ist es schon her, dass in Berlin die Gerhart-Hauptmann-Schule besetzt wurde – aus Protest gegen die zu langsame Bearbeitung von Asylanträgen und die schwerfällige Integration von Asylsuchenden. In dieser unübersichtlichen Situation haben viele Menschen versucht, kreative Lösungen zu finden: So auch das Berliner Projekt Cucula, bei dem Flüchtlinge lernen, Möbel zu bauen und dadurch ihre Zukunft zu sichern. Und das ist wichtig. Denn die Integrationsproblematik in Deutschland, wie zuletzt im Wahlkampf zur Bundestagswahl, ist stets präsent. Ein Grund, sich Integrationsprojekte wie Cucula mal genauer anzuschauen.

(c) Verena Brüning

Mit einem Team aus Designern und Sozialpädagogen wurde hier eine Idee realisiert, die ebenso simpel wie durchdacht ist: Im Rahmen des innovativen Integrationsprojekts zimmern Flüchtlinge Möbel und lernen dabei als Trainees sowohl das Handwerk als auch die deutsche Sprache. Integration zum Anfassen quasi.

Zwei Tage pro Woche wird in der Werkstatt von Cucula gearbeitet, in der restlichen Zeit besuchen die Trainees die Schule und lernen Deutsch. Sie lernen alles über Holzverarbeitung, erhalten Hilfestellung in bürokratischen Angelegenheiten und unternehmen fast nebenbei dadurch wichtige Schritte in Richtung Arbeitsmarkt und selbstbestimmtes Leben. Zusätzlich erhalten die Trainees Hilfe bei Rechtsfragen. Die Möbel werden verkauft und damit das Projekt sowie Lebensunterhalt und Ausbildungsstipendium der Möbelbauer realisiert, die den Weg zu einer Arbeits- und Aufenthaltsgenehmigung ebnen.

Die Idee zu Cucula entstand 2013 in Berlin, als Mitarbeiter des „Internationalen JugendKunst- und Kulturhaus Schlesische27“ fünf junge Männer aus Westafrika, die dort im Camp am Oranienplatz lebten, zu einem Workshop einluden. Unter Anleitung der Designer Sebastian Däschle und Corinna Sy lernten sie, wie man Möbel baut. Das Projekt stieß rundum auf Begeisterung und kurze Zeit später wurde Cucula e.V. gegründet.

Die Stühle, Tische und Betten von Cucula werden nach dem Design des Italieners Enzo Mari gefertigt. In den siebziger Jahren veröffentlichte Mari in seinem Buch “Autoprogettazione” eine Reihe von Möbelentwürfen, die man selbst bauen konnte. Ein Meilenstein der Designgeschichte. Rund 40 Jahre später trat Cucula an Mari heran. Der Italiener übergab die Rechte für den Möbelbau an Cucula – das Projekt überzeugte auch ihn. Die gefertigten Möbel bei Cucula haben zudem immer eine ganz persönliche Komponente. Die Trainees verarbeiten in manchen Stücken nämlich Holz aus den Planken von Booten, mit denen Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Europa kamen. So verarbeiten sie nicht nur das Erlebte, sondern binden es in ihren kreativen Schaffensprozess ein und wandeln die Erinnerung in etwas Greifbares um.

(c) Verena Brüning

Zurzeit beschäftigt Cucula neun Trainees und kann schon auf elf ehemalige Craft & Design Trainees zurückblicken – das Projekt wächst und wächst. Bestellungen kommen von Privatleuten, aber auch von Firmen und Cafés. Erste Awards wurden eingeheimst, unter anderem der iF Public Value Award. Die Arbeiten wurden bereits auf Messen in Mailand und Köln präsentiert, ein Pop-Up-Store in München folgte. Heute gibt es auch einen Showroom am Paul-Lincke Ufer 41 in Berlin, in dem aktuelle Arbeiten erworben werden können. Man darf also gespannt sein, wie Cucula sich in Zukunft weiterentwickeln wird.

Mehr Informationen zu Cucula, wie ihr den Verein als Mitglied oder durch Spenden unterstützen könnt und den Online-Möbel-Shop findet ihr unter https://www.cucula.org/.

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